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Imperium Europejskie

ZUR IMPERIALGESCHICHTE DES 20. JAHRHUNDERTS (TEIL 1)

12.19.15 | brak komentarzy

Tomasz Gabiś

ZUR IMPERIALGESCHICHTE DES 20. JAHRHUNDERTS (TEIL 1)

Das „Ende der Geschichte“ verkündete ein Ideologe desjenigen Imperium, das seit über einhundert Jahren, Schritt für Schritt, von Generation zu Generation, ein Jahrzehnt nach dem anderen, seinen Machtbereich erweiterte und immer neue Verbände von sowohl Kriegern als auch Händlern, Kaufleuten, Industriellen und Bankiers in den Kampf hinausschickte, auf daß seine Macht und seine Herrlichkeit vermehrt würden. Und in der Tat, das „Ende der Geschichte“ ist eingetreten, aber – und dies hat der Ideologe nicht hinzugefügt – es ist das Ende der imperialen Geschichte des 20. Jahrhunderts; im Aufgang befindet sich die imperiale Geschichte des 21. Jahrhunderts. Sie verläuft heutzutage scheinbar träge, ist kein vorwärts strebender Fluß, bildet jedoch ein weitreichendes Überschwemmungsgebiet, wo hier und da eine spürbarere Stromschnelle zu verzeichnen ist; zahlreich sind seine Ausläufer, erneut füllen sich alte Flußbette und Altwasser. All dies ist jedoch ein Trugbild, in Wirklichkeit treibt der Geschichtsstrom rasch voran – was unseren Augen noch entgeht, weil unsere Weitsicht durch eine verzerrende Brille verändert wird. Laßt uns diese Brille abnehmen, um die vergangenen imperialen Geschehnisse des 20. Jahrhunderts deutlicher wahrzunehmen, um der Zukunft sodann vorauszueilen, um danach erneut in der Gegenwart einzutauchen, die sich – dank der Reise im Zeitraffer – vielleicht klarer zeigen wird; was uns wiederum helfen könnte, auf die Fragen nach dem Wohin und Wozu eine Antwort zu finden.

Am Anfang unseres Jahrhunderts entstand ein westliches Seeimperium, das Imperium Americanum, das zuerst die westliche Halbkugel beherrschte, dann in seinem östlichem Weltmeer Brückenköpfe eroberte, um anschließend sein Augenmerk auf Europa zu richten. Gestützt auf die Ideologie der Demokratie und unter Berufung auf das „Recht der Völker zur freien autonomen Entwicklung“ war es bestrebt, sich Europa unterzuordnen. Einen guten Anlaß zur Einmischung lieferte der Krieg zwischen Nationen und Staaten Europas; ein tragischer Krieg, der zum Verlust der von ihm bisher ausgeübten Vormachtstellung führte. Die Unterstützung einer der Kriegsparteien ermöglichte dem jungen aufstrebendem „Westimperium“ nach dem beschlossenen Waffenstillstand als Schiedsrichter aufzutreten. Nach dem Zustandekommen des Waffenstillstands, der dann Frieden genannte wurde, verkündeten die Propagandisten des „Westimperiums“ den Rückzug aus Europa hinter den großen Teich, um sich von nun an nicht mehr in dessen inneren Angelegenheiten einmischen zu wollen. Es war aber – wie sich von selbst versteht – ein nur scheinbarer Rückzug, der faktisch auch nicht stattfand, es war eher ein Indeckunggehen vor dem nächsten Zug; die Präsenz des „Westimperiums“ fiel nicht auf, da sie gekonnt verschleiert wurde.

In der Zwischenzeit sammelte an der Ostmark Europas ein weiterer imperialer Anwärter seine Kräfte zum entscheidenden Griff nach der Vormacht. Seine seit Jahrhunderten andauernden Bemühungen, sein Einflußgebiet westwärts zu verschieben, veranlaßten ihn, an dem Großen Krieg teilzunehmen; dies mündete jedoch in eine Niederlage und somit wurde er gezwungen, zurückzuweichen. Nach einer Zeit von Revolution und Wirren bündelte er erneut seine Kräfte, fand eine neue imperiale Formel in der universalistischen kommunistischen Ideologie, welche auf der ganzen Welt ihren Siegeszug antreten sollte. Unter einem neuen Namen als Imperium Sovieticum strebte er danach, die verlorenen Gebiete erneut zu besetzen, zum Zwecke der Vermehrung von Macht und Herrlichkeit. In den Staaten Europas befanden sich seine zahlreichen Agenturen, als Kommunistische Parteien benannt, die ihrerseits wiederum andere Organisationen anführten, all dies zu seinen Gunsten. Der erste Versuch, gegen den Westen zu stürmen, die Ozeanküste zu erreichen, ist während der revolutionären Wirren gestartet worden. Die anstürmenden revolutionären Verbände sind vom Führer eines neuerstandenen Staates aufgehalten worden. Somit ist auf diesen und seine Krieger die Macht und die Herrlichkeit des Imperium Europæum, das eine beständige geistige und geopolitische Gestalt Europas ist, niedergegangen.

Indes gelangte in einem der wichtigsten Staaten Europas – bedeutend wegen seiner Geschichte, seiner Kultur, seiner Wirtschaft wie auch wegen der geographischen Lage, da in der Mitte gelegen – ein Politiker an die Macht, der die Überzeugung hegte, den für seinen Staat ungünstigen Waffenstillstand, da mit Gebiets- und Souveränitätsverlusten verbunden, brechen zu können. Dies auch mit dem Ziel, eine für ihn günstigere geopolitische Neuordnung zu erreichen. Das Ziel, volle Souveränität erneut zu erlangen, konnte als Nationalstaat nicht erreicht werden, denn in einer Zeit der Imperien vermag kein Nationalstaat seine volle Souveränität zu behaupten. Von daher war es selbstverständlich, daß dieser Staat, um sich unter anderen Imperien behaupten zu können, früher oder später den Weg zu einem eigenen Imperium einschlagen mußte, um auf diese Weise verlorene Gebiete erneut anzuschließen und Europa geopolitisch zu vereinigen. Mancher Historiker, der diesen Sachverhalt nicht begreifen will, bezichtigt den Führer dieses Staates, die Weltherrschaft angestrebt zu haben. Vom Gesichtspunkt der imperialen Geschichte ist diese Anklage haltlos, da jeder, der im Begriffe ist, ein Imperium aufzubauen oder zu erweitern, auf eine Weltherrschaft hinarbeitet.
In der imperialen Historie ist wollen gleich müssen und müssen gleich wollen. Auf der imperialen Ebene haben solche Begriffe wie Schuld, Überfall, Aggression, „er hat angefangen und nicht ich“, „er strebte die Weltherrschaft, ich wiederum nur den Frieden in der Welt an“, „er war der Angreifer, und ich habe mich nur verteidigt“ keinen realen politischen Inhalt, sondern sind als propagandistische und moralische Druckmittel oder aber als Losungen zur moralischen Mobilmachung der Untertanen für eine noch größere Anstrengung zugunsten des eigenen Imperiums anzusehen. Denn auf der imperialen Ebene sind nur Fragen wichtig: Wer wen?, wann?, wie?, wo? und wozu? Alles andere ist zweitrangig. Die Souveränität für seinen Staat anstrebend, hatte jener Führer ein Imperium aufzurichten und somit die Weltherrschaft anzustreben, so wie es auch der Ost- und der Westimperator gleichermaßen getan hatten.

Die einzige mögliche imperiale Form für Europa war (und bleibt) das Imperium Europæum. Indes, in dem in der Mitte Europas gelegenen Staat herrschte eine völkisch-rassische Ideologie. Dieser Staat verstand es nicht, eine imperiale Formel zu prägen, die die geistige Ausrichtung des Imperium Europæum ausdrücken könnte. Er konnte lediglich ein völkisch-rassisches Imperium Germanicum werden. Selbstverständlich tradierte das Imperium Germanicum als europäischer Staat auch manchen Faden der europäischen imperialen Tradition, es war jedoch voll innerer Widersprüche, die sich negativ auf seine Politik ausgewirkt haben. Dieses geistige, ideologische und politische Durcheinander war der Grund, daß das Imperium Germanicum nicht in die Rolle des Imperium Europæum zu schlüpfen verstand (oder umgekehrt – das Imperium Europern vermochte nicht auf der geistigen und politischen Ebene im Imperium Germanicum aufzuscheinen). Das Imperium Germanicum war faktisch ein völkisch-rassischer Staat, der vergeblich ein europäisches Imperium werden wollte. Seine Expansions – und Herrschaftsformen entsprachen denen eines völkisch-rassischen Staates und wurden nach Geist und Tradition den imperialen Formen eines Imperium Europæum nicht gerecht.

Die Entstehung des Imperium Germanicum war für beide Imperien, für das Ost- wie das Westimperium, ein Zeichen, ihrerseits die Vorbereitungen für den für kurze Zeit ausgesetzten Wettstreit um die Weltherrschaft eben zu beschleunigen. Das Ostimperium baute seine Schwerindustrie aus, der Panzer und der Kanonen wegen; die Landbevölkerung strömte nach der erzwungenen Kollektivierung massenhaft in die neu erstandenen Industriezentren und vermehrte die dringend benötigte Arbeitskraft. Um jeglichen Anzeichen von Unzufriedenheit im Lande zuvorzukommen, ließ man ein System von Arbeitslagern errichten, wo sich für jeden ein Platz fand, der den inneren Frieden – will sagen: die Vorbereitungen für den Krieg – im Imperium stören könnte. In großem Ausmaß wurden blutigen Säuberungen durchgeführt, das Imperium unter einer politischen Ideologie verfestigt, die Armee und die in der ganzen Welt, insbesondere in Europa, verbreiteten Agenturen ausgebaut.

Auch das Imperium Americanum wechselte auf die Schiene der Kriegsrüstung; die provinzielle Ideologie der Gründerväter wurde verworfen, die Zentralmacht, deren Ausbau im siebzig Jahre zurückliegenden blutigen Bürgerkrieg gegen den alten Föderalismus seinen Anfang genommen hatte, wurde weiter gestärkt; Finanzzentren von weltweiter Reichweite entstanden, ebenso Mittel zur Beeinflussung von Massen; die Präsenz in weit entlegenen Teilen der Welt – vorwiegend auf Ozeanen, Inseln und Küstengebieten – wurde verstärkt. Auch in der europäischen imperialen Seemacht gelang eine Zunahme des Einflusses, mit ihr verband es zahlreiche historische, sprachliche und kulturelle Gemeinsamkeiten, nicht zu vergessen die Hilfeleistung während der ersten Phase des Ringens um die Welt. Dem Imperium Americanum blieb nicht verborgen, daß diese imperiale Seemacht ihm im Wege stand; selbst eine Seemacht, mußte es Konkurrenten auf den Ozeanen und Meeren ausschalten. Abgesehen von der herrschenden Ideologie, seiner rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Verfassung, war das demokratische Imperium Americanum auf der geopolitischen und geostrategischen Ebene die Verkörperung und das Erfüllungsinstrument des Westimperium.

Ein Staat, der in der Mitte Europas lag und sich somit zwischen beiden Imperien befand, hatte ein Imperium zu werden, denn ein Nationalstaat kann nicht gegen ein Imperium gewinnen. Das Imperium Germanicum konnte aber zugleich, wie wir wissen, kein wirklicher Vertreter des Imperium Europæum werden, denn es verfügte über keine authentische europäische imperiale Formel außer der aus völkischer und rassischer Ideologie geschöpften. Dabei soll man aber eins nicht außer achtlassen: daß verschiedene unter seinen Vordenkern, Verkündern und Intellektuellen durchaus versuchten, an die authentische, imperiale Tradition Europas anzuknüpfen. Sieht man von der in ihm herrschenden Ideologie und seiner politischen Doktrin ab, ebenso von der Innenpolitik und der Politik den unterworfenen Nationen gegenüber, bedeutete das Imperium Germanicum auf der rein geopolitischen und geostrategischen Ebene sehr wohl die Verkörperung und das Erfüllungsinstrument eines Imperium Europæum. Als einem geopolitischem und geostrategischem Gebilde – und vor allem in dieser Eigenschaft und weniger auf der ideologischen, politischen oder kulturellen Ebene – erweckte es das Interesse der Historiker; fiel ihm doch die Aufgabe einer geopolitischen Vereinigung Europas zu, war es Verkörperung und Erfüllungsinstrument eines Imperium Europæum, um dessen Ressourcen, dessen Bevölkerung und die Gegebenheiten seiner räumlichen Ausdehnung in den Dienst des Kampfes gegen beide feindliche Mächte zu stellen. Wie die beiden konkurrierenden Mächte stand es auch vor der unabänderlichen Notwendigkeit, die eigene Souveränität zu sichern, was unter den herrschenden realen Umständen bedeutete, nach der Weltherrschaft zu greifen; die Macht und die Herrlichkeit des Imperiums zu vermehren.

In der künftigen Chronik des Imperium Europæum wird jene Entscheidung, welche der Führer des Imperium Germanicum getroffen hat – oder anders, welche, ihn benutzend, das Imperium Europæum traf– mit Goldbuchstaben erwähnt werden. An einem gewissen heißen Junitag stürzten sich – einer Lawine aus Eisen gleich – Panzerdivisionen, beste Infanterieeinheiten, elitäre Kampfverbände des Imperium Germanicum auf das Ostimperium, das damals in die Form des Imperium Sovieticum geschlüpft war, um es niederzuzwingen und zu vernichten. Rein geschichtlich und politisch betrachtet, handelte es sich um Armeen des völkischen und rassischen Imperium Germanicum, und sie kämpften unter seinen Fahnen und Standarten, aber auf der höheren Ebene, der geostrategischen und geopolitischen, waren es Armeen des Imperium Europæum, kämpften sie unter dessen unsichtbarem Banner. Dies waren Divisionen des Imperium Europæum in dem Maße, daß sie gen Osten zu stürmen hatten, unabhängig davon, wer aus welchen politischen und ideologischen Überzeugungen heraus, im Namen welcher Nationalität oder Rasse auch immer den Befehl dafür erteilt hatte.
Ein solcher Befehl war konform mit der Geopolitik und Geostrategie des Imperium Europæum, unabhängig davon, ob ihn ein Kaiser, ein Präsident, ein Weiser, ein Narr, ein Verbrecher oder ein Heiliger erteilt hätte. Dieser Befehl ist zu Recht erteilt worden, früher, damals und immer wieder, denn für das Imperium Europæum bleibt das Ostimperium ein Tod-, ein Erbfeind, der als Imperium vernichtet werden muß, da er den Weg des Imperium Europæum zur Weltherrschaft versperrt. Von daher hat der Führer des Imperium Germanicum seine Entscheidung, obwohl auf der politischen und ideologischen Ebene als Imperator eines völkisch-rassischen Imperium Germanicum getroffen, auf der geopolitischen und geostrategischen Ebene gleichwohl als Imperator des Imperium Europæum gefällt. In die imperialen Annalen wird dieser Führer nicht als Maler von Aquarellen, als Architekt, als Autor von politisch-ideologischen Traktaten, als Ideologe der Rasse und Nation, als Parteiführer, als der Oberaufseher der für ihn arbeitenden Sklavenscharen, als Vordenker oder Vollstrecker dieser oder jener juristischen, politischen oder aber wirtschaftlichen Vorstellungen, als Befürworter oder Feind einer Ideologie oder einer politischen Doktrin, als Vollzieher dieser oder jener Politik gegenüber diesen und jenen Nationen in seinem Imperium, als vorzüglicher politischer Akteur, der verschiedenen Politikern meisterhaft Wutanfälle vorspielte, als ein glänzender Versammlungs- und Parlaments- und Rundfunkredner eingehen: Er wird in die Annalen des Imperium Europæum als derjenige eingehen, der sich in jenen heißen Junitagen wie ein Löwe mit seiner ganzen militärischen Macht auf das Ostimperium geworfen hat, auf ein Imperium, das selbst, unter der Gestalt des Imperium Sovieticum, eines günstigen Moments harrte, um gen Westen loszustürmen. Durch diesen Entschluß, das Ostimperium anzugreifen, welcher das geopolitische und geostrategische Schicksal des Imperium Europæum erfüllte, hat dessen Führer und haben seine Krieger Ruhm und Glorie des Imperium Europæum errungen.

Und so nahm ein schrecklicher, kontinentaler Kampf seinen Anfang, während dessen ganze Nationen, Völker und Staaten zur Verhandlung standen; ein Kampf auf Tod und Leben, ein Kampf um alles – um die Weltherrschaft. Für das Ostimperium ist das Imperium Europæum selbstverständlich sein Tod- und Erbfeind, über den es zu siegen hat, um zum Ozean zu gelangen und nach der Weltherrschaft zu greifen. Von daher unternahm der Imperator des Ostimperiums ebenfalls Vorbereitungen zum Angriff. Auch das Imperium Sovieticum war auf der geopolitischen und geostrategischen Ebene – von der in ihm herrschenden Ideologie und der politisch-wirtschaftlichen Verfassung abgesehen – die Verkörperung und das Erfüllungsinstrument des Ostimperium. Entsprechend hatten die ideologischen Überzeugungen des Imperators des Imperium Sovieticum, seine Innenpolitik, seine juristischen, politischen oder aber wirtschaftlichen Vorstellungen, seine Rolle als Sprachwissenschaftler, als Oberaufseher der Millionenschar von Sklaven keine Bedeutung, bzw. nur insofern, als sie Einfluß auf den Machtzuwachs des Imperium hatte. Auf der politisch-ideologischen Ebene traf er seine Entscheidungen als der Imperator des kommunistischen Imperium Sovieticum, jedoch auf der geopolitischen und geostrategischen Ebene als Imperator des Ostimperium. Er hatte auch Vorbereitungen zum Angriff getroffen, ließ sich jedoch vom Führer des Imperium Germanicum zuvorkommen und wurde somit zum Rückzug gezwungen. Seine Divisionen fochten unter den Fahnen des kommunistischen Imperium Sovieticum, aber auf der geopolitischen und geostrategischen Ebene waren es Divisionen des seit Jahrhunderten existierenden Ostimperiums und sie fochten unter seinem unsichtbaren Banner.

Mancher Historiker behauptet, der Führer des Imperium Germanicum wäre wahnsinnig gewesen, auf das Imperium Sovieticum einen Angriff zu starten. Vom Gesichtspunkt der imperialen Geschichte betrachtet, war es eine riskante, aber eine notwendige Entscheidung, und eine absolut zu Recht getroffene. Denn nur die blitzartige Zerschlagung des Ostimperium bot die Chance, einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. Mit diesem Angriff wollte der Führer des Imperium Germanicum um jeden Preis ein Bündnis des Ost- und Westimperiums, das sich gegen sein Imperium richten würde, verhindern. Er war sich dessen bewußt, daß er gegen eine solche Allianz hilflos sein würde. Hätte der Führer des Imperium Germanicum das Imperium Sovieticum besiegt, dann würde er die geopolitische und geostrategische Vorbestimmung des Imperium Europæum erfüllen und über die Große Insel Macht ergreifen, was der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Weltherrschaft wäre. Hätte das Imperium Sovieticum wiederum das Imperium Germanicum besiegt, dann würde es die geopolitische und geostrategische Vorbestimmung des Ostimperiums erfüllen und über die Große Insel Macht ergreifen, was der erste Schritt auf dem Weg zur Weltherrschaft wäre.

Der Imperator des Imperium Americanum, ein Mensch, der von einem eisernen, imperialen Willen zur Macht und einer genialen geopolitischen Intuition geprägt war, blieb jedoch wachsam, auf daß die Große Insel nicht unter die Herrschaft eines der Imperien fiel. Von daher blieb seine ganze imperiale Politik nur dem einem Ziel untergeordnet: eine Konfrontation zwischen den beiden Imperien herbeizuführen, um dann – wenn beide ausgeblutet und geschwächt sein würden – die Bedingungen zu diktieren, so daß die Große Insel nicht unter die ausschließliche Herrschaft eines der Konkurrenten fällt. Zur Anwendung kam die Strategie des „Gleichgewichts der Kräfte“ auf dem ganzem Kontinent; eine Strategie, welche früher von der europäischen imperialen Seemacht in kleinerem Ausmaß praktiziert worden war, um Konflikte zwischen den europäischen Staaten zu schüren und Kriege zwischen ihnen zu provozieren. Er war ein hervorragender Stratege, dessen Gedanken sich in globalen Kategorien bewegten und somit blieb er der Sieger der ganzen Runde. Als das Imperium Germanicum – eigentlich noch kein Imperium, sondern noch ein völkisch-rassischer Staat – erstand und um seine Souveränität, d.h. um die Weltherrschaft, zu kämpfen begann, heizte er unablässig den Zwist und die Ansprüche der europäischen Nationalstaaten an. Dem östlichen Nachbarn des Imperium Germanicum gab er –mittels seines Seeverbündeten und Seekonkurrenten – volle Sicherheitsgarantie, um ihn, den Nachbarn, zu einer unnachgiebigen Haltung zu verleiten und somit dem Krieg den Weg zu ebnen. Auf seine Veranlassung begaben sich die europäische Feinde des Imperium Germanicum in die Hauptstadt des Imperium Sovieticum und baten dessen Imperator um Hilfestellung. Dies bedeutete die Teilnahme des Ostimperiums am diplomatischen Spiel und zugleich eine Einkreisung des Imperium Germanicum. Dieses sah sich wiederum gezwungen, den Einsatz zu erhöhen. So kam es zum Einvernehmen mit dem Imperium Sovieticum betreffs der gemeinsamen Teilung der Landmasse des Staates, der sich zwischen ihnen befand. Somit verschwand der beide Imperien trennende Puffer und sie standen sich nunmehr gegenüber, die Wahrscheinlichkeit einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen ihnen nahm zu. Kein Wunder, daß die Autoren der imperialen Chronik des Westimperiums mit größter Anerkennung über die meisterhafte politische Strategie dieses Führers schreiben.

Es ist hier von gewisser Bedeutung, darauf hinzuweisen, daß die zweijährige Allianz beider Imperien zwecks Eroberung und Teilung des zwischen ihnen liegenden Staates trotz der von beiden offiziell verkündeten Ideologie zustandekam. Das Imperium Germanicum propagierte stets die Feindschaft gegenüber der Ideologie des Imperium Sovieticum und umgekehrt. Diese Feindschaft ließ man ruhen, weil es um Notwendigkeiten und Zwänge der imperialen Geopolitik ging. Noch etwas sei erwähnt: In dem von beiden Imperien geteilten Staat mangelte es nicht an weisen und vorausschauenden Männern, die den Vorschlag unterbreiteten, im Anschluß an die Erfüllung gewisser Forderungen des Imperium Germanicum mit ihm eine Allianz zu schließen. Wäre es dazu gekommen, dann wäre der Angriff auf das Imperium Sovieticum aus ganz anderen, nämlich weiter östlich gelegenen, geopolitischen Ausgangspositionen ausgeführt und vielleicht mit einem Sieg gekrönt worden. Dann hätte der Staat, der einst selbst ein Imperium gewesen ist, mit dem Ostimperium schon immer erbitterte Kriege führte und zeitweise seine Hauptstadt besetzt hielt, dazu beigetragen, daß der Todfeind des Imperium Europæum besiegt und vernichtet worden wäre. Wir wissen, daß es anders gekommen ist, denn darum hat sich der wachsame und vorausschauende Imperator des Imperium Americanum bemüht. Der Pufferstaat, dessen Führer – der neunzehn Jahre zuvor die nach Westen strömenden revolutionären Verbände des Ostimperium geschlagen hatte – seit vier Jahren nicht mehr am Leben war, ließ sich als Erfüllungsinstrument in Händen des Imperium Americanum benutzen, schloß kein Bündnis mit dem Imperium Germanicum, infolgedessen wurde er von zwei Seiten angegriffen, zerschlagen und zwischen beiden Imperien geteilt.

Im Fernen Osten (und dem eigenen Westen) begann der Imperator des Imperium Americanum früh, gegen den insulanen Verbündeten des Imperium Germanicum einen unbeugsamen, verdeckten und somit nicht erklärten Krieg zu führen. Der Verbündete war selbst damit beschäftigt, eine eigene See- und Kontinentalmacht aufzubauen. Der Imperator des Imperium Americanum verhalf, die neutrale Maske wahrend, den Feinden dieses Verbündeten durch Finanzhilfen und Lieferung von Kriegsmaterial, führte geheime Militäroperationen aus, zog sein Guthaben auf den Bankkonten in seinem Machtbereich ein, schwächte es wirtschaftlich und ließ strategisch wichtige Rohstofflieferungen unterbinden. Die imperialen Chroniken verzeichnen selten einen so mächtigen imperialen Machtwillen, gepaart mit einer durch nichts zu erschütternden Ausdauer und Geduld, mit strategischer und taktischer Vorstellungskraft und Geschick im Streben nach Weltherrschaft.

Der Imperator des Imperium Americanum stand u.a. aus innenpolitischen propagandistischen Gründen vor der Aufgabe, die antiimperiale Fraktion zu bekämpfen, welche sich in der Auseinandersetzung mit ihm auf die über einhundert Jahre alte Ideologie des Isolationismus stützte. Ihm kam es daher gerade recht, daß der fernöstliche Alliierte des Imperium Germanicum einen Teil seiner Flotte bombardierte. Dies war eine meisterhaft inszenierte Provokation, von der die imperialen Chronikschreiber des Westimperiums in höchster Anerkennung schreiben. Mancher Historiker meint, daß der Imperator von dem zu erwartenden Angriff auf den Seestützpunkt unterrichtet war, die dortigen Befehlshaber aber davon nicht in Kenntnis gesetzt hätte, wodurch viele der Matrosen unnötigerweise ums Leben kamen. Dies ist ein offenkundiges Mißverständnis. Selbstverständlich hatte er von dem bevorstehenden Angriff erfahren und opferte seine Matrosen in vollem Bewußtsein. Vom Gesichtspunkt der imperialen Geschichte war dies ein ausgezeichneter taktischer Zug, denn die Matrosen sind, wie alle an der Front gefallene Soldaten, für die Vermehrung der Macht und der Herrlichkeit des Imperiums gestorben. Ihr Tod geht nicht auf eine private Laune des Imperators zurück, sondern war höchst nötig, um das angepeilte imperiale Ziel zu erreichen. Somit konnte der Imperator des Imperium Americanum seine Kriegsschiffe und Heeresverbände offen in den Kampf mit dem Verbündeten des Imperium Germanicum losschicken und dadurch seine Kräfte binden. Dies hinderte den Verbündeten, an der Schlacht im Osten um die Große Insel teilzunehmen. Daher konnte der Imperator des Imperium Sovieticum, vom Osten ungefährdet, seine vorzüglichen Divisionen im eigenen Westen einsetzen und den Divisionen des Imperium Germanicum Widerstand leisten. Der Imperator des Imperium Americanum schloß mit dem Imperium Sovieticum einen Allianzvertrag und gewährte ihm jegliche militärische und wirtschaftliche Hilfe.

Es sei hier angemerkt, daß diese Allianz im Widerspruch zur offiziellen Ideologie beider Imperien gestanden hat. Offiziell war das Imperium Sovieticum ein Feind des Imperium Americanum und umgekehrt. Die imperialen Zwänge lassen aber des öfteren über solche Sachlage zur Tagesordnung übergehen. Die Allianz bedeutete nur, daß der Propagandaapparat beider Imperien seine moralischen Angriffe auf den Imperator des Imperium Germanicum konzentrieren würde, auf daß sein „die ganze Welt gefährdendes dämonisches Treiben“ die über die ideologischen Widersprüchen stehende Allianz glaubhaft machte.
Das Imperium Americanum gewährte seinem Verbündeten auch militärische und wirtschaftliche Hilfe, dem europäischen Seeimperium, das einen hoffnungslosen und über seine Kräfte gehenden Kampf mit dem Imperium Germanicum führte. Zu diesem Kampf ist es eben von dem Imperium Americanum verleitet worden. Von ihm sollte es von Anfang an Unterstützung bekommen; sein Ehrgeiz ist angestachelt worden, dem Imperium Germanicum gegenüber eine unbeugsame Haltung einzunehmen. All dies geschah, um es zu schwächen und es abhängig zu machen, es von den Weltmeeren und Ozeanen zu verdrängen und seine Überseeprovinzen anschließend unter eigene Kontrolle zu übernehmen.

Das Imperium Americanum, formal die Neutralität wahrend, provozierte das Imperium Germanicum ständig auf dem Ozean, um es in einen Seekampf hineinzuziehen, in dem es unterlegen war. Letzteres beherrschte zwar die Küsten Europas, um die Seeblockade zu verhindern, hatte aber nicht ausreichend Zeit, um eine bedeutende Seemacht zu werden. Der Imperator des Imperium Americanum führte mit einer beinahe genialen Meisterschaft seinen Zwei-Fronten-Krieg. Mancher Historiker vertritt die Meinung, daß der Führer des Imperium Germanicum verrückt gewesen sei, dem Imperium Americanum Krieg zu erklären. Auch das ein grobes Mißverständnis. Tatsächlich erklärte er nicht den Krieg, sondern stellte offiziell den faktischen Sachverhalt fest, denn der Krieg dauerte unausgesprochen schon seit langem.
Auch die U-Boote des Imperium Germanicum, die einen heroischen Kampf auf den Ozeanen ausgetragen hatten, trugen – obwohl auf ihnen die Hoheitszeichen des Imperium Germanicum zu sehen waren – auf der geopolitischen und geostrategischen Ebene die unsichtbaren Hoheitszeichen des Imperium Europæum. Dieser Kampf war aber nicht so bedeutungsvoll wie der Krieg um die Große Insel. Ebenfalls heldenhaft behaupteten sich die Krieger des Imperium Germanicum während der Kämpfe im Süden, in den Wüsten Afrikas. Auch sie, um den Sieg ihres völkisch-rassischen Imperiums bemüht, nahmen in einem höheren Sinne an dem Kampf um ein Imperium Europæum teil, das diesen Kampf im Süden stets zu führen hat, jedoch an dritter Stelle der Dringlichkeit: dem Kampf um die Große Insel und dem auf den Ozeanen folgend.

Der Imperator des Imperium Americanum unterstützte – mittels seines Verbündeten, der die Insel an Europas Küste als Stützpunkt benutzte – die verschiedenen Widerstandsgruppen finanziell und materiell, die Stadtguerilla wie auch die in unzugänglichen Landregionen operierenden Freischärlerverbände. Auch der Imperator des Imperium Sovieticum gab dieser Art von Kriegsführung jegliche Unterstützung. Diesen Gruppen wurde auferlegt, Attentate und Überfälle im Imperium Germanicum zu tätigen. Die Terrorwelle, die von der harten, oft rücksichtslosen oder brutalen Politik des Imperium Germanicum den europäischen Nationen gegenüber in seinen Provinzen begünstigt wurde, ist mit Gegenterror beantwortet worden, insbesondere den Völkern gegenüber, die in den Gebieten seiner Ost-Front seßhaft waren. Hinter dieser Front, an der Kampf auf Tod und Leben mit dem Imperium Sovieticum tobte, operierten auch die größten Verbände der Freischärler. Die Machtorgane des Imperium Germanicum vollzogen hier des öfteren das drakonische Kriegsrecht, nebst entsprechenden Verwaltungsmaßnamen; sie führten den Arbeitszwang ein und bekämpften, um die Sicherheit des Imperiums zu gewährleisten, die Freischärlerverbände und jegliche Erscheinungen des Widerstandes und des Ungehorsams mit Entschiedenheit. Man griff zu Kollektivrepressionen gegenüber der Zivilbevölkerung: zu Massenerschießungen von Geiseln, Internierung in Konzentrationslagern, Präventivhaft, Deportationen, Pazifizierung der Dörfer usw.

Der Imperator des Imperium Americanum und sein insulaner Verbündeter ließen ihre schweren Bombergeschwader Tag und Nacht ohne Unterlaß die europäischen Industriegebiete wie auch die Städte anfliegen, um Tod und Terror unter der Zivilbevölkerung zu verbreiten. Dies tat er unter anderem auch, weil er nicht abschätzen konnte, ob der Imperator des Ostimperiums bis zum Ozean marschieren würde oder auch nicht. Von daher war es ihm lieber, auf alle Fälle die Taktik der verbrannten Erde anzuwenden, so daß nach Möglichkeit wenig an Industrie- und Humankapital in den Machtbereich des zukünftigen Feindes fallen würde. Die Vernichtung von Domen, Kirchen, Schlössern, Klosteranlagen und Altstädten bedeutete zugleich eine Vernichtung des geistigen Erbes des Imperium Europæum, die Vernichtung der zu Stein geronnenen Zeugnisse und Symbole seiner Macht und seines Ruhmes; somit wurde dem Imperium Europæum ein Teil seiner in den Baudenkmälern gespiegelten Geschichte genommen, wurde seine Kultur, seine Museen und Bibliotheken, die Erinnerung an seine Geschichte vernichtet.

So dauerte der globale Poker, dieses furchtbare Ringen der Titanen, die, von der unbarmherzigen Kraft gedrängt, die aus ihrer geopolitischen Lage erwuchs, im Streben nach Macht und Ruhm um die Weltherrschaft kämpften; auf dem Kontinent und in der Luft, auf den Meeren, in den Tiefen der Ozeane und in den Wüsten; immer wieder neue Verbände von Kriegern in den tödlichen Kampf schickend, alle Reserven an Mensch und Material mobil machend. Sie bauten riesige Propagandaapparate auf, all dies, um sich gegenseitig mit Bann und Beschimpfung zu belegen, sie bezichtigten den Feind, alle möglichen Verbrechen begangen zu haben und hoben sich selbst als Kämpfer um Frieden und Menschheitsglück hervor; die Untertanen sind zum Kampf und noch größerer Kraftanstrengung angehalten worden; sie kämpften mit Ideologien, mit moralischen, religiösen, kulturellen und politischen Schlagworten; an ihre gigantischen Kriegskampfwagen spannten sie sowohl Krieger als auch Arbeiter und Bauern, Dichter und Schriftsteller, welche sich im Rundfunk in Gesprächsrunden, in den Zeitungsartikel und Propagandabroschüren bemerkbar machten; dazu Historiker, die ihren Anspruch auf Weltherrschaft begründen sollten; in die vereinsamten Fabriken trieben sie wegen des Frontdienstes der Männer die Frauen hinein, in großem Stil wurden Deportationen und Enteignungen durchgeführt, in Internierungslagern und Gefängnissen landeten Leute, die als Fünfte Kolonne des Feindes betrachtet wurden. Es gab kein Erbarmen mit den Feinden des Imperiums.

Das Imperium Germanicum, dem es für kurze Zeit beinahe gelungen wäre, die Hauptstadt des Ostimperiums zu erobern und es zu vernichten und somit die geostrategische Bestimmung des Imperium Europæum zu vollbringen, wurde schließlich zum Rückzug gezwungen. Die Krieger des Imperium Germanicum, dessen Armee in der zweiten Phase des Krieges sich zu einer wahrhaft multinationalen – also imperialen – Armee entwickelte, in der nicht nur Divisionen beinahe aller europäischen Nationen, sondern auch zahlreiche Völkerschaften und Nationen des Ostimperiums ihren Platz gefunden hatten, fochten einen verbissenen und heroischen Kampf, um den ebenfalls einen heroischen Kampf austragenden Kriegern des Ostimperiums den für sie für alle Zeit wichtigen, den Westküsten der Großen Insel entgegenführenden Weg zu verlegen. Die Krieger des Imperium Germanicum haben zwar die westeuropäischen Provinzen des Imperium Germanicum vor dem Anschluß an das Imperium Sovieticum gerettet, so daß sie an das Imperium Americanum angeschloßen wurden, aber das Imperium Germanicum, von zwei Seiten angegriffen, mußte verlieren.

Der West-Imperator, von allen Dreien über die meiste Bewegungsfreiheit verfügend, ging behutsam und geduldig Schritt für Schritt gen Osten und Westen. Er eroberte eine der Halbinseln in Europa, um dem künftigen Feind den Zugang zum Ozean zu verstellen. Beim Demontieren des Seeimperiums seines Alliierten ging er methodisch vor; er ließ die in den Kampf um die Große Insel verwickelten Imperien ausbluten, um selbst einen günstigen Moment abzuwarten und einen Brückenkopf auf der Großen Insel zu bilden. In seinen Labors mühten sich Wissenschaftler ab, um eine der Welt bisher noch nicht bekannte Waffe zu konstruieren. Ein neuer Imperator ließ schreckliche Bomben über zwei Städte des fernöstlichen Verbündeten des Imperium Germanicum niedergehen, um dem Imperium Sovieticum – also seinem zukünftigem Widersacher – wie zugleich auch aller Welt zu verstehen geben, daß er sowohl die Mittel als auch den Willen hat, diese anzuwenden. Von daher hieß der endgültige Gewinner Imperium Americanum, das auf dem eigenem Staatsgebiet keinen Krieg zu führen, keine bedeutenden Menschenverluste zu beklagen hatte; die eigene Präsenz und Macht auf den Kontinenten und Ozeanen verfestigte; im Osten und Westen der Großen Insel Brückenköpfe eroberte und es nicht zuließ, daß das Ostimperium einen freien Zugang zum Ozean hatte und somit das Gebiet der Großen Insel nicht beherrschen konnte. Beide imperialen Armeen, in deren Reihen Hunderttausende Krieger aus verschiedenen Nationen tapfer gekämpft hatten, pflanzten ihre Siegesfahnen auf den Trümmern der Hauptstadt des Imperium Germanicum auf; sein Territorium haben sie untereinander geteilt und eine Demarkationslinie gezogen. Ruhm und Glorie ihrer Imperien konnten beide Imperatoren sowie die Krieger beider imperialer Armeen gleichermaßen in Anspruch nehmen.

Der Imperator des Imperium Germanicum wehrte sich verbissen bis zum Ende, seine Kräfte schwanden, seinem Leben hätte eine Kofferbombe, von Agenten eines der beiden Imperien gelegt, beinahe ein Ende gemacht; wie ein verwundeter Wolf von zwei Seiten umstellt, verteidigte er sich verzweifelt; bis zur Grenzen des Möglichen wurden Sklaven in Lagern und Fabriken ausgebeutet; in den Kampf wurden sogar Greise und Jugendliche geworfen, die mit jugendlicher Inbrunst und im Glauben an den Imperator zu einem heldenhaften, jedoch nutzlosen Tod im Kampf antraten. Um dem Tod auf dem Galgen zuvorzukommen – denn er wußte, daß er nur diesen von seinen imperialen Feinden zu erwarten hatte – welche sich, wie auch er, von dem Prinzip leiten ließen: Es gibt kein Erbarmen für die Feinde des Imperiums – schoß er sich zu allerletzt eine Kugel in den Kopf. Einige Autoren der imperialen Chronik vertreten die Meinung, daß – hätte er sich dazu früher entschlossen – es ein geschickter politischer Zug gewesen wäre, welcher vielleicht die Pläne der feindlichen Imperien durch-einander gebracht hätte. Den Vormarsch hätte er aber nicht aufgehalten.

So endete das titanische Ringen um die Weltherrschaft, ein Kampf, der auf der ideologisch-politischen Ebene vom demokratischen Imperium Americanum und dem kommunistischen Imperium Sovieticum gegen das völkisch-rassische Imperium Germanicum geführt wurde; den auf der geopolitischen und geostrategischen Ebene jedoch das West- und Ostimperium gegen das Imperium Europæum führten. Die beiden Imperatoren setzten sich an einen Tisch und zeichneten eine neue Karte der Großen Insel und der Welt; die europäischen Provinzen des Imperium Germanicum teilten sie untereinander und ließen sie als Nationalstaaten bestehen, damit ihre neuen Untertane diese Form bar jeder Souveränität und geopolitischs Substanz weiterhin als etwas wirklich Existierendes au faßten. Eine neue ethnische Ordnung wurde von ihnen installiert, ganze Völker umgesiedelt. Blutige Säuberungsaktionen wurden in den unterjochten Provinzen durchgeführt; eine in die Hunderttausende gehende Masse von als für die neue Macht politisch gefährlich eingestufte Personen wurde verhaftet und interniert. Die Stellvetreter des Imperium Germanicum in den europäische Provinzen wurden niedergeworfen, eingekerkert, vertrieben oder getötet; deren Platz in den Metropolen der europäischen Provinzen nahmen den neuen Machthabern gefällige Stellvertreter ein. Den eroberten Provinzen haben sie eigene Ideologien und politische Staatsformen übergestülpt.
Für Paladine des bezwungenen Imperators sin Schauprozesse ins Werk gesetzt worden, einige von ihnen wurden zum Tode verurteilt und aufgehängt, um aller Welt zu zeigen: Es gibt keine Gnade für Feinde des Imperium. Zugleich wurden viele seiner Untergebenen – zum gleichen Zweck – aufgehängt oder eingesperrt. Die Leichname der Gehängten ließ man verbrennen und vom Wind in alle Himmelsrichtung zerstäuben, auf daß keine Spur von ihnen bleibe. Einige de engsten Kampfgefährten des Imperators ließ man am Leben und hielt sie in einem großen Gefängnis in de ehemaligen Hauptstadt des Imperium Germanicum – als ein abschreckendes Beispiel für die unterjochten Völker und die ganze Welt. Einer von ihnen hat da sogar zweiundvierzig Jahre überlebt, bis die propagandistische Nutzbarkeit des Greises nachließ; folglich beging er Selbstmord.

Als die Armeen der siegreichen Imperien ihre Fahnen in der Hauptstadt des völkisch-rassischen Imperium Germanicum eingepflanzt hatten, hörte nicht nur dieses Imperium auf zu existieren, sondern darüber hinaus auch das Imperium Europæum als ein geopolitische Subjekt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte wurde e von fremden Imperien geschlagen und geteilt. Das Licht seiner geopolitische Existenz erblickte da Imperium Europæum mit der Gründung des Imperium von Alexander des Großen, gefolgt vom Imperium Romanum, vom Byzantinischen Reich, dem Imperium Karls des Großen, dem Imperium der Hohenstaufen, de Ottonen, der Jagiellonen, dem Heiligen Römische Reich Deutscher Nation, dem Kaiserreich der Habsburger, den großen Dynastien und Monarchien, in den großen Staaten der Könige und Kaiser, schließlich von den kolonialen Imperien der europäischen Staaten und schließlich der Nationalstaaten, die, obwohl sie ein getrenntes politisches Dasein führten, trotz alledem einer wiewohl einen zerstückelten und nicht geeinten, geopolitischen Körper bildeten.

Die Nationalstaaten verkörperten eine späte, eine erschöpfte Form des Imperium Europæum, denn immer stärker kam ihnen die eigentümliche, imperiale Formel abhanden und die den Nationalstaaten immanenten Eigenschaften wie nationale Einheit, Unteilbarkeit und das Bestehen auf der Eigenart nahmen überhand. Zugleich verkümmerte der Geist des Imperium Europæum, da ein Nationalstaat keine Kraft und kein Gefühl für eine wirklich große Sendung verkörpert; er kämpft, statt um die Welt, lieber mit dem Nachbarn um die Ackergrenze. Der spektakuläre Niedergang des Imperium Germanicum, der sich in einer infernalen „Götterdämmerung“-Szenerie vollzog und die Liquidierung der sichtbaren und greifbaren geopolitischen Manifestation des Imperium Europæum nach sich zog, zwingen zu der Feststellung, daß die völkisch-rassische imperiale Formel, damals und wie auch vielmehr heute, völlig unbrauchbar für das Imperium Europæum sei. Dies heißt zugleich, daß die Nationalstaaten es nicht mehr vermögen, ein Erfüllungsinstrument des Imperium Europæum zu sein, das zur Wiederherstellung seiner geopolitischen Existenz beitragen könnte. Keiner der europäischen Staaten vermag allein die Souveränität und Größe wiederzuerlangen, sie können nicht in den verflossenen und für immer begrabenen Formeln gesucht werden. Den letzten europäischen Versuch, die Souveränität und Größe zu erkämpfen, die in einem imperialen Zeitalter die Weltherrschaft bedeuten, wagte das völkisch-rassische Imperium Germanicum; sein finale furioso schloß endgültig die Ära von Nationalstaaten der alten Prägung, eigentlich die der Kleinstaaterei, falls man darauf aus der imperialen Perspektive schaut. Dieses faktische Ende sollte ein Zeichen sein, auf alle Kräfte verzehrenden, nutzlosen und eitlen Bemühungen nach Wiederherstellung der alten Form von Nationalstaaten zu verzichten. Denn seit der Zeit der Zerstörung des Imperium Germanicum erlangten die imperialen Mittel der militärischen, politischen, wirtschaftlichen, finanziellen und massenmedialen Macht einen Grad der Entwicklung, von dem nicht einmal die um die Weltherrschaft ringenden Machthaber vor Fünfzig Jahren träumen konnten.

Dies bedeutet, daß heutzutage, wie schon in der Vergangenheit, nur Imperien imstande sind, sich als selbständige politische Subjekte der Weltpolitik behaupten zu können. Für die Europäer heißt das, eine Vereinigung anzustreben, um eine geopolitische Existenz für das Imperium Europæum zu erkämpfen; das Imperium muß auf eine übernationale und überrrassische und bezüglich der Religion ökumenische Formel zurückgeführt werden. In diese Formel werden all die imperialen Formen einbezogen, die in den vergangenen Jahrhunderten das Imperium Europæum in seinen Verkörperungen ausgefüllt hatte, sie werden in ihm zugleich aufgehoben. Ausgeschlossen sei die Sehnsucht nach den „guten alten Zeiten“, jegliche Restauration, jegliches Streben, die verflossenen Formen erneut zu revitalisieren; zugleich heißt dies, der Geopolitik und dem Geist des Imperium Europæum Treue zu erweisen.

Es ist bemerkenswert, daß in der Ruine der Kanzlei des Imperium Germanicum, vier Tage vor dem Selbstmord des Imperators, dreihundert Soldaten einer anderen großen europäischen Nation zum letzten Kampf angetreten waren. Diese Krieger der Division Charlemagne kämpften noch zwei Tage nach dem Tod des Imperators, als das Imperium Germanicum aufhörte zu existieren. Sie kämpften somit nicht unter den Fahnen dieses Imperium, denn diese waren bereits gefallen und von den Kriegern der imperialen West- und Ost-Armeen erbeutet worden. Sie kämpften unter dem unsichtbaren Banner des Imperium Europæum. Sie haben die geostrategische und geopolitische Existenz des Imperium Europæum verteidigt, dessen Territorium Zehntausend Quadratmeter – von Ruinen bedeckt – zählte. Sie kämpften nicht mehr in den Reihen der imperialen Armee des Imperators des Imperium Germanicum, da der Imperator nicht mehr am Leben war. Sie bildeten ausschließlich eine Armee des Imperium Europæum. Zwei Tage lang, auf einer von Ruinen bedeckten Fläche, existierte das Imperium Europæum als ein geopolitisches und geostrategisches Wesen. Eine -zig Personen zählende, nach Karl dem Großen genannte, imperiale Armee kämpfte 48 Stunden um die Macht und die Herrlichkeit des Imperium Europæum. Als die letzten dreißig überlebenden Krieger dieser Armee sich ergaben, neigte sich das unsichtbare Banner, fiel das Imperium Europæum. Seine geopolitische und geostrategische Form wurde vernichtet. Dieses Banner, da unsichtbar, fiel jedoch nicht in die Hände der siegreichen Krieger der imperialen Ost- und West-Armee, sondern verschwand an einem geheimen Ort, der Zeit harrend, da einer es in die Höhe heben und über den Heerscharen des Imperium Europæum erneut entrollen wird.

Tomasz Gabiś

Aus dem Polnischen übersetzt von JK; dieser Aufsatz ist erschienen in „ Stańczyk“ nr 1 (34) 1999.



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